50 Jahre Schweizerische Volkspartei

Hintergrund 50 Jahre Schweizerische Volkspartei - Onlinebote SVP des Kantons Zürich

Die SVP-Spitze nach der Delegiertenversammlung vom Dezember 1971 in Zürich (v.l.n.r.): Bundesrat Rudolf Gnägi, der Bündner Nationalrat Georg Brosi (Vizepräsident), die Berner Gemeinderätin Ruth Geiser-Im Obersteg (Vizepräsidentin) und der Zürcher Nationalrat Hans Conzett (Präsident).

RETRO
Zwar wurde die SVP als Bauernpartei schon 1917, im Bezirk Bülach sogar bereits 1907 gegründet. Der neue Name war 1971 die Folge eines Parteienzusammenschlusses.

Aus dem Kanton Zürich war merkwürdig wenig zu hören, als anlässlich einer Medienorientierung am 22. September 1971 eine neue Partei präsentiert wurde: die Schweizerische Volkspartei (SVP). Die Unaufgeregtheit mag damit zusammenhängen, dass sich lediglich zwei, im Grunde sogar drei traditionelle Parteien unter neuem Namen zusammentaten. Da war als stärkster Partner die bisherige Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei, die seit 1930 ununterbrochen den Berner Bundesrat gestellt hatte.

Die schwächelnde BGB hatte grosses Interesse, durch die Vereinigung mit den Demokraten des Kantons Graubünden ihren Wähleranteil zu vergrössern, um den Bundesratssitz von Rudolf Gnägi zu halten. Umgekehrt wussten ehrgeizige Politiker wie der Bündner Demokrat Leon Schlumpf, dass er mit seiner Kleinpartei niemals in den Bundesrat würde einziehen können. Deshalb gaben die Bündner Demokraten der Evangelischen Volkspartei (EVP) einen Korb, die sich ebenfalls um eine Vereinigung beworben hatte.

Als kleinster Juniorpartner der Fusion machten die Glarner Demokraten mit, die immerhin beide Ständeräte stellten und in ihrem Kanton über ein ansehnliches Wählerreservoir verfügten.

Geringe Begeisterung der Zürcher

Die Zürcher Parteizeitung «Die Mitte», die gleichzeitig den politischen Teil des «Zürcher Bauer» bildete, veröffentlichte erst am 3. September 1971 die offizielle Mitteilung über den bevorstehenden «Zusammenschluss BGB–Demokraten ». Offenbar wollte man damit Gerüchten vorbeugen, die parteiintern kursierten: «Es trifft zu, dass die Spitzen beider Parteien seit einiger Zeit über eine eventuelle Zusammenarbeit verhandeln.»

Am 17. September wurden die Zürcher BGB-Delegierten über den «vorgesehenen Zusammenschluss» orientiert. Der Kanton Zürich spielte insofern eine Rolle, als der nationale BGB-Präsident, der Stadtzürcher Verleger Hans Conzett, das Präsidium der neu gebildeten SVP Schweiz übernehmen sollte. Am 22. September fasste eine schweizerische Delegiertenversammlung in Biel den eigentlichen Fusionsbeschluss.

Zuvor hatten mehrere Parteiexponenten vorher eingereichte Fragen beantwortet.

Dazu gehörte auch die Berner Bauerntochter Marthe Gosteli, eine profilierte Frauenrechtlerin und Kämpferin für das Frauenstimmrecht. Die BGB beziehungsweise neuerdings SVP wollte damit zeigen, dass sie nach soeben eingeführtem Frauenstimmrecht den Ruf einer fast reinen «Männerpartei» zu überwinden gedachte.

In der BGB des Kantons Zürich war die Begeisterung für die Namensänderung gering. Die Kantonalsektionen durften bei der Benennung autonom bleiben, und so verkündete die Parteizeitung fast etwas trotzig: «Die BGBMittelstandspartei des Kantons Zürich wird – zumindest vorläufig – ihren Namen nicht ändern.» Überhaupt zog die BGB Schweiz im Oktober 1971 noch unter altem Namen in die Nationalratswahlen. Die Freisinnig-demokratische Partei, welche die demokratische Bewegung schon 1894 aufgesogen hatte, reagierte pikiert auf den Entscheid der Demokraten, sich mit der BGB zu einer SVP zusammenzutun: «Einmal mehr haben persönliche Interessen und Emotionen sächliche Überlegungen verdrängt», hielt die Bündner FDP fest. Dies war eine deutliche Spitze an die Adresse des ehrgeizigen Demokraten Leon Schlumpf, der damals gleichzeitig im Regierungsrat und im Nationalrat sass.

Schwäche vorerst nicht überwunden

Die SVP kam auf 11,07 Prozent und konnte ihre 23 Sitze im Nationalrat nur halten, weil zwei Bündner Demokraten hinzukamen. Auch die nächsten Jahre, in denen die Zürcher zögerlich zum neuen Namen SVP übergingen, sollten zeigen, dass mit einer anderen Bezeichnung noch keine Probleme gelöst waren. Es hatten sich offensichtlich schwächelnde Partner zusammengetan, was nicht zu neuer Stärke führte.

Im Kanton Zürich wurde gar befürchtet, die Namensgebung könne zu einer «Existenzfrage» werden. Mit den Demokraten aus Graubünden und Glarus zog eine Politik ein, die deutlich links von der BGB lag.

Im Kanton Zürich hatten sich die Demokraten indessen schon etwas früher entschieden, zur FDP überzutreten. Damit erhielten die Freisinnigen zwar ein grösseres Mitgliederreservoir, aber auch einen eher linksbürgerlichen Angestellten- und Beamtenflügel, der ihr liberales Profil abschliff.

Erst 1973 konnte sich die Zürcher BGB zur teilweisen Einführung des neuen Namens entschliessen. An der entscheidenden Delegiertenversammlung gingen die Wogen bei der Namensfrage hoch, befürchteten doch manche Redner mit der Bezeichnung «Volkspartei » eine Rückdämmung des bäuerlich- gewerblichen Einflusses. Es kam vorerst zum unglücklichen Kompromiss der komplizierten Bezeichnung «SVP/BGB-Mittelstandspartei». Wichtiger noch als die Namensfrage beurteilte der Stadtzürcher Parteipräsident und Bauunternehmer Robert Spleiss die Abgrenzung gegen links, vor allem gegen «das extremistische Treiben» an den Universitäten und die «schlappe Haltung der Mehrheit». Von den Bürgerlichen erwartete Spleiss «mehr Zivilcourage » und bezichtigte das Schweizer Fernsehen der Sympathien für den Linksextremismus.

Unter dem Kantonalpräsidium von Christoph Blocher seit 1977 wurden dann die inneren Richtungskämpfe genau wie die Namensdiskussionen rasch bereinigt. Nach mehreren Jahren der unfruchtbaren parteiinternen Diskussionen konnte sich die Zürcher SVP fortan dem politischen Kampf und der Auseinandersetzung mit dem Gegner widmen.

23. September 2021 Christoph Mörgeli