Asylgrund «Bezug zur Schweiz»

Kolumne Asylgrund

Geniesst jemand schon automatisches Asylanrecht dank «Bezug zur Schweiz», wenn er einmal eine Toblerone gekostet hat? Bild Wikipedia

Rette sich, wer kann! Früher war das Ausharren, heute ist das Davonrennen eine Heldentat. Ehedem haben die Schweizer Botschaftsangehörigen 1943 bis 1945 trotz Bombenhagel ununterbrochen in Berlin durchgehalten. 2021 machte sich in der afghanischen Hauptstadt Kabul alles aus dem Staub, was Beine hatte. Doch das Eidgenössische Aussendepartement nannte dies eine «erfolgreiche Aktion».

Es teilte voll Genugtuung, Stolz und kaum unterdrücktem Triumph mit: In der «bisher umfangreichsten Evakuierungsaktion der Schweiz» seien rund vierhundert Menschen «mit Bezug zur Schweiz» ausgeflogen worden. Der überwiegende Teil der 387 Ausgeflogenen sind Afghanen. Falls sie noch nicht das Schweizer Bürgerrecht oder eine hiesige Niederlassungsbewilligung haben, winkt ihnen und ihren Familien das lebenslange Aufenthaltsrecht in der Schweiz. Das Kriterium der Ausreise bildete ein «Bezug zur Schweiz».

Bei dieser bislang unbekannten Asylkategorie ist in Bern die Rede von Verwandtschaft oder einer früheren Tätigkeit für staatliche Schweizer Organisationen in Afghanistan beziehungsweise in der Schweiz. Alle Medien echoten willfährig diesen «Bezug zur Schweiz» ( «Basler Zeitung»), den «Schweiz- Bezug» («20Minuten») oder den «Schweizer Bezug» («Der Bund»). Doch was bedeutet dieser neugeschaffene Flüchtlingsbegriff? Geht es wirklich um die im Asylgesetz definierte Gefährdung des Leibes, des Lebens, der Freiheit und der Psyche? Oder geniesst jemand schon automatisches Asylanrecht dank «Bezug zur Schweiz», wenn er einmal eine Toblerone gekostet hat? Winkt Asyl dank «Schweizer Bezug» für jene, die bei einer Blinddegustation ein Raclette von einem Fondue unterscheiden können? Gilt ein «Schweiz-Bezug» für jene Auswanderungswilligen, die das Wort «Chuchichäschtli » einigermassen buchstabieren können?

Natürlich wissen wir Schweizer, dass wir mit unserer Asylpolitik manchmal doof sind. Wir sind ja nicht doof. Doch dieser «Bezug zur Schweiz» riecht nach Lotterie und Zufallsgenerator. Der Asylwahnsinn nimmt zu. Die Vernunft bleibt schlank.

3. September 2021 Christoph Mörgeli