Das weisse Tuch

Fadegrad Hasta la vista, Winterthur - Onlinebote SVP des Kantons Zürich

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Ein Mann hatte eine lange Haftstrafe abzusitzen. Als der Tag seiner Entlassung nahte, schrieb er einen Brief nach Hause: «Ich weiss, es ist verrückt anzunehmen, dass Ihr mich wieder sehen wollt. Aber entscheidet selbst. Ich werde früh am Donnerstagmorgen ans Ende unserer Strasse kommen. Wenn Ihr mich zu Hause haben wollt, hängt ein weisses Taschentuch ins Fenster meines alten Zimmers. Wenn ich es dort sehe, werde ich zu Euch kommen; wenn nicht, werde ich mich wieder davonmachen.» Als der Donnerstagmorgen kam, konnte er den Augenblick der Wahrheit nicht hinauszögern. Er holte tief Luft und wagte den Blick zum anderen Ende der Straße.

Und dann stand er da und starrte und starrte… Das kleine Haus war ganz in weisse Tücher gehüllt. Aus allen Fenstern hingen Betttücher und Kissenbezüge, Handtücher und Tischdecken, Taschentücher und Servietten; und aus dem Dachfenster flatterte eine grosse weisse Gardine quer über das ganze Dach. Die Eltern hatten kein Missverständnis riskieren wollen! Der Mann rannte über die Strasse und durch die weit geöffnete Haustür direkt in sein Elternhaus hinein. Diese stark gekürzte Geschichte stammt aus der Feder von Patricia St. John. Familien und Freundschaften sind zerbrochen. Gräben sind entstanden, wo man sie nie für möglich gehalten hätte. Lassen Sie uns wieder Brücken bauen und möglichst unsere Häuser in weisse Tücher hüllen. Das wünsche ich uns allen von Herzen.

 Lassen Sie uns unsere in die Brüche gegangenen Freundschaften wieder kitten, damit wir beim Lied von Reinhard Mey wieder mitsingen mögen: «Gute Nacht, Freunde. Es ist Zeit für mich zu geh’ n. Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette und ein letztes Glas im Steh’n. Für den Tag, für die Nacht unter eurem Dach habt Dank! Für den Platz an eurem Tisch, für jedes Glas, das ich trank, für den Teller, den ihr mit zu den euren stellt, als sei selbstverständlicher nichts auf der Welt. Gute Nacht, Freunde. Es ist Zeit für mich zu geh’n. Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette und ein letztes Glas im Steh’ n. Habt Dank für die Zeit, die ich mit euch verplaudert hab’ und für Eure Geduld, wenn’s mehr als eine Meinung gab. Dafür, dass ihr nie fragt, wann ich komm’ oder geh’, für die stets offene Tür, in der ich jetzt steh’. Gute Nacht, Freunde. Es ist Zeit für mich zu geh’ n. Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette und ein letztes Glas im Steh’ n. Für die Freiheit, die als steter Gast bei euch wohnt, habt Dank, dass ihr nicht fragt, was es bringt, ob es lohnt. Vielleicht liegt es daran, dass man von draussen meint, dass in euren Fenstern das Licht wärmer scheint. Gute Nacht, Freunde. Es ist Zeit für mich zu geh’n. Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette und ein letztes Glas im Steh’ n.» Von Herzen wünsche ich Ihnen eine besinnliche Weihnachtszeit.

10. Dezember 2021 Maria Wegelin