Demütigen wir uns vor Gott, so werden wir vor den Menschen bestehen!

News Demütigen wir uns vor Gott, so werden wir vor den Menschen bestehen! - Onlinebote SVP des Kantons Zürich

Auch «Kirchenfremde» möchte Gottfried Keller inspirieren: «Möge aber auch der nicht kirchlich gesinnte Bürger im Gebrauch seiner Gewissensfreiheit nicht in unruhiger Zerstreuung diesen Tag durchleben, sondern in stiller Sammlung dem Vaterlande seine Achtung beweisen.» Bild Wikipedia

DANK-, BUSS- UND BETTAG
Der Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag findet seinen Ursprung in einem staatspolitischen Mandat. Seit dem 20. Jahrhundert büsst dieser wichtige Feiertag aber leider immer mehr an Bedeutung ein. Das Gleichnis Jesu vom «verlorenen Sohn» aus dem Lukasevangelium malt uns die Wichtigkeit dieser drei Elemente (Dankbarkeit, Busse und Gebet) und die Folgen ihres Versäumnisses unverblümt vor Augen.

Die Worte von Gottfried Keller, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert als Staatsschreiber für den Kanton Zürich die Bettagsmandate schrieb, setzen die Prinzipien aus der Geschichte des verlorenen Sohnes in einen staatspolitischen Kontext. Obwohl vor 150 Jahren geschrieben, sind sie an Aktualität nicht zu überbieten.

Dankbarkeit: Fokus auf den Geber und nicht auf den Gaben

Nachdem in Jesu Gleichnis der jüngere Sohn sein Erbe von seinem Vater eingefordert hatte, machte er sich damit auf und davon. Von Dankbarkeit kann hier nicht die Rede sein. Wie sollte denn auch, galt sein Fokus dem Erbe anstatt seinem Vater, von dem das Erbe stammte. Das biblische Verständnis der Dankbarkeit lenkt den Blick aber primär auf den Geber und nicht auf die Gaben. Heutzutage, in einer post-christlichen Gesellschaft, fühlt man sich im besten Fall noch der Natur zu Dank verpflichtet. Doch auch «Mutter Natur » hat einen Vater im Himmel. Der Apostel Jakobus verdeutlicht es uns: «Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, von dem Vater der Lichter.»

Busse: innere und äussere Umkehr

Leider wird man sich den guten Dingen des Lebens oft erst dann gewahr, wenn man sie nicht mehr hat. So auch beim verlorenen Sohn. Erst nachdem er in einem fernen Land all sein Geld verprasste und am Ende als Schweinehüter Hunger litt, gelangte er endlich an den Punkt, wo er in sich ging, sich seines Verlustes bewusst wurde und merkte, wie gut er es doch bei seinem Vater hatte. Dies bewog ihn schliesslich, zu seinem Vater zurückzukehren. Das Wort «Busse» (heute würden wir von «Umkehr» sprechen) drückt eine innere Sinneswandlung aus, auf die eine äussere Handlung folgt. Die Geschichte des verlorenen Sohnes malt uns diese Abfolge bildhaft vor die Augen. An uns als Schweizervolk stellt sich die Frage, ob wir uns bewusst sind, wie viel vom dem wir bereits verprassen, wofür unsere Vorfahren gearbeitet und gerungen haben. Als Nation treffen uns die Worte Gottfried Kellers heute genauso stark wie 1863, als er in den Unruhen «jenseits und diesseits der Meere» erkannte, «wie schwer es ist, menschliche und christliche Gesittung auch im Streite zu bewahren, die kostbaren Güter der Unabhängigkeit zu erhalten und, wenn sie einmal verloren sind, dieselben wieder zu erringen.» Gebet:

Wer sich erniedrigt, wird erhöht

Es war die Demut des verlorenen Sohnes, die ihn überhaupt zu einer Umkehr bewegte, ihn seine Schuld vor seinem Vater bekennen liess und durch die er schliesslich unverdient wieder als Sohn und Erbe im Vaterhaus aufgenommen wurde. Ob als Einzelperson, als Gemeinschaft oder als Nation – das Gebet stellt unsere Verbindung zu Gott dar. Dabei gilt, zu beachten, dass unser Gebet aus einer demütigen Haltung erfolgen soll. In seinem Brief erinnert uns der Apostel Jakobus an diese wichtige Einstellung: «Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade.» Als mit dem Sieg Preussens im Deutsch-Französischen Krieg und der Reichsgründung eine neue Grossmacht in Europa entstand, sah sich die Schweiz erneut vor eine «David-Goliat-Probe» gestellt. Weise erinnerte Gottfried Keller in seinem Bettagsmandat 1871 die Eidgenossen: «Lächelnde, wenn auch unberufene Stimmen lassen sich hören: Was willst du kleines Volk noch zwischen diesen grossen Völkerkörpern und Völkerschicksalen mit deiner Freiheit und Selbstbestimmung? … Mitbürger! Als unsere Vorfahren den eidgenössischen Bettag einsetzten, taten sie es im Geiste jener höhern Glaubenseinheit, welche über den Konfessionen steht, um die ewige Weltordnung für das Vaterland anzurufen und aus ihr die Gesetze abzuleiten, die sie sich gaben, aus ihr das Vertrauen in den Fortbestand ihrer Unabhängigkeit zu schöpfen. Diese Quelle der Kraft und Wohlfahrt ist uns nicht verschlossen. Demütigen wir uns vor Gott, so werden wir vor den Menschen bestehen!» Die Mahnung Kellers könnte heute, genau 150 Jahre später, treffender nicht sein. In diesem Sinne wünsche ich dem Lesenden einen besinnlichen Dank-, Buss- und Bettag 2021!

16. September 2021 Timotheus Bruderer