Die neutrale Schweiz: eine Sicht von aussen

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DIE SCHWEIZ MUSS IHRE NEUTRALITÄT BESSER VERKAUFEN
«Man muss die Schweiz im Ausland erklären», zeigt sich der Auslandschweizer Nicolas Szita überzeugt. Viele von den Auslandschweizern seien sehr patriotisch, häufig patriotischer als die Schweizer in der Schweiz selber.

Die Schweiz hat die Grausamkeiten und Wirren des 20. Jahrhunderts überstanden, sich ihre direkte Demokratie bewahrt, den inneren Frieden gesichert, und in jüngerer Geschichte einen eindrucksvollen Wohlstand erschaffen. Nicht schlecht, finde ich. Das muss man als kleines, rohstoffarmes Land zuerst einmal schaffen.

Nikolaus von der Flüe begann diese Tradition der Neutralität mit den Worten: «Mischt Euch nicht in fremde Händel!» Und er sagte: «Wenn ihr in euren Grenzen bleibt, kann euch niemand überwinden, sondern ihr werdet euren Feinden jederzeit überlegen und Sieger sein. Wenn ihr aber, von Habsucht und Herrschgier verführt, eure Herrschaft nach aussen zu erweitern anfängt, wird eure Kraft nicht lange währen».

Die Schweiz erklären

Das Wirken und Leben des Nikolaus von der Flüe beeinflusste die schweizerische Politik und trug massgeblich zur neutralen Haltung der Schweiz bei. Eine Haltung, für die die Schweiz nun auf der ganzen Welt bekannt geworden ist. Natürlich, nicht alle Menschen auf dieser Welt finden die Neutralität der Schweiz gut, das kann man auch nicht erwarten.

Aber was mich immer wieder aufs Neue erstaunt, ist, wie gut der Ruf der Schweiz und der Neutralität der Schweiz auch in fernen Ländern ist.

Als ich mich in Singapur für eine Stelle an einem Forschungsinstitut bewarb, sprach ich mit meiner potenziell zukünftigen Chefin auch kurz über Politik. Es war zur Zeit des Zweiten Irakkrieges. Sie war nicht sonderlich erbaut darüber, wie die Amerikaner vorgingen. Aber ihre Aussage mir gegenüber war einfach und direkt. «Wieso können nicht alle Länder einfach so sein wie die Schweiz? Wieso haben alle das Gefühl, sie müssten sich überall einmischen?» Überhaupt war und ist wahrscheinlich auch heute noch die Schweiz im fernen Singapur sehr hoch angesehen. Nicht schlecht, muss man doch sagen, wenn man auch weit weg von der Schweiz quasi wie ein guter Nachbar angesehen wird.

Und als dann leider die Abstimmung verloren ging, meinte ein Amerikaner, als er von der Nachricht des UNO-Beitrittes der Schweiz hörte: «… aber, ich dachte, die Schweiz sei doch neutral. Wie geht denn das?»

Rosinenpickerei?

Natürlich gibt es sie auch, die kritische Haltung gegenüber der Neutralität. Insbesondere in Europa wird die Neutralität der Schweiz oft als reines Abseitsstehen interpretiert. Als Gleichgültigkeit oder als Anpasserei, als Rosinenpickerei oder gar als Kollaborieren mit dem Feind. Das ist natürlich Unfug, aber es ist halt leider schon so, dass kriegführende Nationen eine «Entweder-Freund-oder-Feind»-Einstellung entwickeln. Man sollte bei jeder Gelegenheit die Bedeutung der neutralen Schweiz beim Ende des Kalten Krieges herausstreichen dürfen. Nachdem die Sowjetunion sechs Jahre lang von Abrüstungs­ver­handlungen nichts wissen wollte, fand 1985 zwischen den verfeindeten Na­tionen der USA und der UdSSR auf höchster Ebene ein Gipfeltreffen statt: Reagan und Gorbatschow trafen sich in der Schweiz.

Die Wahl des Ortes ist geradezu bezeichnend und symbolisch für die Wichtigkeit einer neutralen Schweiz: Man wählte Genf, weil es eine internationale Stadt in einem neutralen Land ist, eine Stadt, welche einen Sitz der UNO beherbergt und damit subsidiär Infrastruktur bereitstellt, doch man entschied sich für einen Platz ausserhalb der UNO, um einen Platz zu haben, welcher hinsichtlich der Neutralität über jeden Zweifel erhaben ist. Was will man denn als kleines Land noch mehr?

Erfolgsgeschichten aufzeigen

Aber es täte der Schweiz schon gut, wenn man solche Erfolgsgeschichten etwas mehr zelebrieren würde. Und wenn man solche Erfolge auch mal etwas feiern würde, dann wäre vielleicht das Bewusstsein um den Wert der Neutralität auch ein Stück höher. Und so würde vielleicht die Schweiz bei der ersten echten Belastungsprobe für die Neutralität nicht gleich ein­knicken. Es sieht wirklich so aus, dass man sich in der Schweiz wieder bewusst werden muss, was Neutralität heisst, was die Schweiz eigentlich darstellen soll.

 

Prof. Dr. Nicolas Szita, University College London

Gekürztes Referat, gehalten an der Mitgliederversammlung der AUNS am 2. April 2022. Der Autor ist Vorstandsmitglied der AUNS.

21. April 2022 SVP Kanton Zürich