Einfach für verrückt erklärt

Kolumne Einfach für verrückt erklärt - Onlinebote SVP des Kantons Zürich

Was haben die Liebhaberin von Bundesrate Berset und Escher-Tochter Lydia Welti gemeinsam? Damals wie heute erklären die Mächtigen rasch und gerne jene für durchgeknallt, die ihnen unbequem werden. Bild Wikipedia

Der intelligente, kahle, mit buschigen Augenbrauen ausgestattete Bundesrat hatte eine beherrschende Stellung im Gremium. Um seine Meinung kamen die Kollegen in der Landesregierung nicht herum. Sein Wort war das entscheidende. Der freisinnige Aargauer Emil Welti sass von 1867 bis 1891 im Bundesrat. Welti versuchte, die Schweizer Privatbahnen zu verstaatlichen und sie zu Bundesbahnen, zur SBB, zu machen. Er darf als Gründungsvater unseres öffentlichen Verkehrs gelten. Seine ÖV-Amtsnachfolgerin ist die Sozialdemokratin Simonetta Sommaruga. Ihr Ehemann Lukas Hartmann wirkt als erfolgreicher Schriftsteller. Er veröffentlichte 2018 den Roman «Ein Bild von Lydia». Es geht um Lydia Escher, die Tochter des Politik- und Wirtschaftsgiganten Alfred Escher. Lydia war klug, kunstbegeistert – und unglücklich verheiratet mit dem Sohn des mächtigen Bundesrats Emil Welti.

Hartmanns Roman erzählt, wie sich Lydia Welti-Escher unsterblich in den Berner Kunstmaler Karl Stauffer verliebte. Die beiden brannten 1889 nach Italien durch. Nun walzte Bundesrat Emil Welti mit seinem politischen Machtapparat das flüchtige Paar platt. Er setzte Beamte verschiedener Departemente in Trab. Diese organisierten in Rom einen Psychiatrieprofessor, der Lydia flüchtig und oberflächlich untersuchte. Er diagnostizierte bei der völlig normalen Frau pflichtschuldig «systematisierten Wahnsinn».

Sommarugas Parteikollege im Bundesrat heisst Alain Berset. Als dieser 2019 von einer Ex-Geliebten erpresst wurde, setzte er seinen politischen Machtapparat in Gang. Man fand einen Psychiater, der bei der namhaften Künstlerin mittels Ferndiagnose ohne Untersuchung eine «wahnhafte Störung» und wenig später den Ausbruch einer «Schizophrenie» diagnostizierte. Damals wie heute erklären die Mächtigen rasch und gerne jene für verrückt, durchgedreht und durchgeknallt, die ihnen unbequem werden. Dabei beweist doch die Affäre Berset: Das Normalsein ist schon verrückt genug. Oder mit Joachim Ringelnatz: «Jeder spinnt auf seine Weise / Der eine laut, der andere leise.»

23. September 2021 Christoph Mörgeli