Geostrategische Katastrophe im Hindukusch

Hintergrund Geostrategische Katastrophe im Hindukusch - Onlinebote SVP des Kantons Zürich

Der US-Amerikanische Soldatenfriedhof an der Küste über dem Abschnitt des «Omaha Beach» der Invasion vom 6. Juni 1944: Dies ist auch ein Denkmal für die Opfer, welche für die Freiheit in Europa damals gebracht wurden.

DEBAKEL AFGHANISTAN
John F. Kennedy, als Nachfolger des ethischen Strategen Dwight D. Eisenhower, wies bei der Kuba-Krise die Herrscher von Moskau in die Schranken. Für Joe Biden, als Nachfolger des materialistischen Dealers Donald Trump, steht angesichts des Kabul-Gate die Rückweisung von Terror und Totalitarismus noch bevor.

Auf der Strasse in die Normandie, dorthin, wo die Alliierten bei der Invasion den Zweiten Weltkrieg entschieden, da kam es über die französischen Sender, dass Kabul gefallen war. Das Entsetzen der Kommentatoren war gross und sie brachten jene Vergleiche, die den Bildern entsprachen, die mir gleichzeitig in den Sinn kamen: Wie es war, als die Amerikaner in Saigon die Flüchtenden mit Hubschraubern von den Dächern der US Botschaft ausflogen.

Respekt vor den Gräbern

Das Unverständnis war auf allen Kanälen gross darüber, dass Afghanistan so aufgegeben wurde wie einst Vietnam, dass Joe Biden tat, was Donald Trump in die Wege leitete; überall war die Rede davon, dass Biden, der bei der Klimapolitik eine Wende vollzog und den Pariser Abkommen wieder beitrat, eine Korrektur auch in der Afghanistan-Politik hätte vornehmen können: eine Wende zum Schutz für die Menschen im Hindukusch, und zur Würde der Frauen. Mit der Weiterführung des Kurses von Trump hat Biden weltweit Enttäuschung ausgelöst: wie konnte man sich in einem Menschen, der ausgezogen war, um mehr Demokratie und Gerechtigkeit zu verwirklichen, derart täuschen? Es war das Paradoxe in der Situation, als ich in der Normandie zeitgleich dort stand, wo die Amerikaner vor gut einem Dreiviertel-Jahrhundert das Ende der Naziherrschaft in die Wege leiteten, dort, mitten zwischen Gräbern jener, die ihr Leben für die Freiheit geopfert hatten. War dies damals das letzte Mal, dass die USA sich mit einem grossen Engagement und mit Erfolg für die Menschenrechte eingesetzt hatten? Wo und wie würden wir leben, wenn sie uns damals nicht aus den Klauen der totalitären Herrscher der Nazis gerettet hätten?

Aus Fehlern nichts gelernt

Fassungslosigkeit löst aus, dass analoge stratagische Fehler innerhalb eines Jahrzehntes wiederholt wurden. Schon beim Abzug aus dem Irak türmte die hochgerüstete irakische Armee vor den Brutalos der Islamisten und liess alles zurück, was nicht in die Taschen ungenutzter Kampfanzüge passte: die Metropole Mossul wurde überrannt, der Islamische Staat ausgerufen und eine Schreckensherrschaft des IS entstand; nicht nur vor Ort, sondern auch als terroristische Bedrohung für die ganze Welt. So mussten Truppen zurückkehren und es gelang, zusammen mit dem Mut der Peschmergas, der Kämpfer und Kämpferinnen der Kurden, um das ausgerufene Kalifat, die Kernzone für die Verbreitung des Terrors in der Welt, wieder einzunehmen; es war ein wüster Häuserkampf, er kostete unendlich viele Opfer, bis Mossul wieder aus den Klauen der Teufelskrieger befreit war. Nun wiederholt sich die Geschichte: Man traute – erneut in völliger Fehleinschätzung der Realitäten – einer aufgerüsteten afghanischen Armee zu, das Land vor den Taliban beschützen zu können. Allein die Moral hat man nicht aufgebaut, die Korruption in den politischen Strukturen nicht beseitigt. So floh auch diese Armee – trotz mehrfacher zahlenmässiger Überlegenheit, trotz einer Ausrüstung in ganz anderen Dimensionen – in Feigheit vor den Taliban, denen der Ruf der Brutalität vorausgeht. Dabei liessen sie die modernste militärische Ausrüstung liegen, die nun zur Unterdrückung und allenfalls auch gegen den Westen eingesetzt werden könnte: dies alles wäre aus den strategischen Lehren absehbar gewesen; dies macht Schock und Unverständnis nur noch grösser.

Minimalismus und Pazifismus als Wurzeln des Debakels

Das Debakel hat seine Wurzeln in der jüngeren Vergangenheit, in welcher die örtlichen Gegebenheit ausser Acht gelassen wurden. Das geht schon auf die Administration Obama zurück, die bereits in Syrien die «Roten Linien» im Falle eines Einsatzes von Giftgas verkündete – und angesichts drohenden pazifistischen Heulens –? nichts dagegen unternahm; in hohem Masse fusst es aber in der Administration Trump. Hier gipfelte das «America First» in jener fatalen Verhandlung in Katar, als Trump mit den Taliban hinter dem Rücken der Regierung in Kabul einen Deal aushandelte; Dealen, das ist offenbar seine Kernkompetenz, auch wenn es ein fauler Handel ist; Geostrategie und Geopolitik aber sind grössere Kategorien. Hat sich Joe Biden – der sein Ansehen in hohem Ausmass beschädigte – von Trump in eine Falle locken lassen? Vielleicht war er in der «Gipfeleinsamkeit » der Entscheidung auch ein Gefangener des linken, pazifistischen Flügels in der Demokratischen Partei. Kongress-Abgeordnete wie etwa solche vom Zuschnitt einer Alexandria Ocasio-Cortez (geboren am 13. Oktober 1989), müssen nicht die Verantwortung tragen für das, was sie allenfalls hinter den Kulissen mit verursacht haben – sondern können kleinlaut in Deckung gehen.

Die Bedrohung des Westens

Die strategische Katastrophe ist angerichtet, nicht nur für Afghanistan und für die dort lebenden Frauen, die das Opfer von militanten Pazifistinnen im Westen werden können – ganz so wie schon die Menschen in Syrien ein Jahrzehnt zuvor. Geopolitisch und geostrategisch hat das Desaster weltweite Konsequenzen: Nicht nur wegen der Gefahr des wieder aufflammenden Terrors; wenn das totalitäre Regime in Peking und jenes in Moskau im entstehenden Vakuum eine Allianz schliessen mit den teuflischen Taliban – Massenhinrichtungen dürften folgen –, denen nur Naive oder Zweckoptimisten die «versöhnlicher» Lippenbekenntnisse abnehmen – dann steht es schlimm um die Freiheit in der Welt: So auch die zentralasiatische Heartland- Doktrin nach Halford J. Mackinder, ergänzt mit der eurasischen Rimland- Theorie von Nicholas Spykman. Sollte das Desaster mit einem Scheitern Bidens gar eine Rückkehr des Trumpismus bewirken und einen Austritt der USA aus der Nato, dann wäre Europa den Machthabern in Moskau und vielleicht auch jener in Peking schutzlos ausgeliefert: Es könnte eine Realität eintreten, wie wenn die Invasion in der Normandie gar nie stattgefunden hätte.

27. August 2021 Bernhard Im Oberdorf