Organ vor Spende?

Gesundheitspolitik Organ vor Spende? - Onlinebote SVP des Kantons Zürich

Quelle Swisstransplant

NEUARTIGES SELBSTVERSTÄNDNIS DURCH PAUSCHALE EINWILLIGUNG
Die Ironie der sogenannten Widerspruchslösung der Organspende liegt im Wort selbst. Denn von einer Spende kann nur dann die Rede sein, wenn sie aus freiem Willen geschieht – oder anders ausgedrückt, wenn die Initiative vom Gebenden ergriffen wird. Mit der Widerspruchslösung aber wird der «Spiess» umgedreht. Aus einer Holschuld des Staates wird eine Bringschuld des Bürgers. Durch die Annahme des Transplantationsgesetzes entstünde eine neue Form von Selbstverständnis im Hinblick auf unseren Körper, der gut überlegt sein will, bevor wir an der Urne die pauschale Einwilligung dazu geben.

Zweifelsohne ist Nächstenliebe eine der grössten Tugenden. Doch elementar da­bei ist, dass sie aus freien Stücken geschieht und nicht durch Zwang eingefordert werden kann. Denn eine erzwungene Liebe ist keine. So ist es auch mit einer Spende. Die eigenen Organe zu spenden ist sicherlich eine lobenswerte Einstellung, dagegen ist nichts einzuwenden. Die Vorlage des Transplantationsgesetzes mit der sogenannten Widerspruchslösung bei der Organspende, über die das Schweizer Stimmvolk am 15. Mai abstimmen wird, hat aber einen anderen Haken. Dieser liegt nicht in der Sache selbst, sondern im Umstand, dass künftig von einer Spendenbereitschaft des Bürgers ausgegangen wird. Verneinen wir nicht eindeutig die Spendenbereitschaft unserer Organe, wird diese per se vorausgesetzt werden.

Gefährliches Prinzip der automatischen Zustimmung

Allgemein ist ein Trend erkennbar, welcher mit sogenannten «automatischen Zustimmungen» auf solche erzwungenen Voraussetzungen abzielt. Ein Beispiel dazu sehen wir beim Datenschutz und der Privatsphäre im Internet. Automatische Zustimmungen über die Verwendung von Personendaten beim Besuch einer Website oder bei der Nutzung einer App verlagern den Druck von Unternehmen auf Nutzer, die oft mühselige Arbeit des ausdrücklichen Widerspruchs auf sich zu nehmen. Dieses Prinzip ist weder benutzerfreundlich noch entspricht es dem Selbstbestimmungs-Credo, welches – besonders hier in der Schweiz – doch so hochgehalten wird.

Des einen Freud ist des anderen Leid

Etwas sensibel erscheint die automatische Zustimmung bei der Organspende durch den Umstand, dass es um die Rettung von Menschenleben geht, was grundsätzlich ein gewünschtes und im Gesetz verankertes Verhalten darstellt. Dass viele Menschen auf ein Organ durch Spender warten, ist bedauerlich. Dies darf aber nicht Anlass dafür werden, den Spiess umzudrehen und aus der Holschuld des Staates eine Bringschuld des Bürgers zu machen. Wenn davon ausgegangen wird, dass es eigentlich mehr bereitwillige Menschen gäbe, die ihre Organe spenden würden, sollte dem Problem eher nach dem Vorbild der Blutspende-Kampagnen begegnet werden und nicht dadurch, sämtliche Bürger automatisch auf die Liste potenzieller Organspender zu setzen. Durch die Widerspruchslösung macht es sich der Staat mit seiner «Lösung» zu einfach – zum Leid all derer, die ihre Organe nicht spenden möchten und somit ihre ausdrückliche Verneinung als Bringschuld deklarieren müssen.

Selbstverständnis des Körper­-
besitzes

Um nochmals das oben genannte Beispiel der Privatsphäre im Internet zum Vergleich zu gebrauchen: Anstelle von den Website- oder App-Nutzern vorgängig und aktiv eine Einwilligung darüber einzuholen, welche Personendaten gesammelt werden dürfen, werden diese häufig bereits stillschweigend gesammelt – einfach mal auf Vorrat, denn man weiss ja nie. Ähnlich würde es auch bei der Widerspruchslösung der Organspende aussehen: Durch die Voraussetzung, dass per se jeder Bürger einen Organspender verkörpert, sammelt der Staat unsere Organe virtuell schon mal «auf Vorrat». Dies ist eine neue Form eines Selbstverständnisses, mit der wir uns in der heutigen Gesellschaft konfrontiert sehen – und mit welcher wir uns unbedingt auseinandersetzen müssen. Am besten bevor wir einwilligen. Mit der Annahme des Transplantationsgesetzes wäre diese pauschale Einwilligung gegeben und dem Staat diese neue Art des Selbstverständnisses über unseren Körper gewährt. Ob wir ihm dieses Recht geben wollen, soll gut überlegt sein.

 

 

 

24. März 2022 Timotheus Bruderer