«Reisen wird ein Bedürfnis bleiben»

Wirtschaft INTERVIEW MIT STEPHAN WIDRIG, CEO FLUGHAFEN ZÜRICH AG - Onlinebote SVP des Kantons Zürich

«Selbst in der aktuellen Krise beanspruchen wir keine Hilfsgelder des Staates,» hält Stephan Widrig fest. Foto Flughafen Zürich AG

INTERVIEW MIT STEPHAN WIDRIG, CEO FLUGHAFEN ZÜRICH AG
Zürich Kloten ist das wichtigste Portal der Schweiz zur Welt. Auch wenn die Pandemie die Reisebranche und insbesondere die zivile Luftfahrt massiv beschnitten hat, blickt Stephan Widrig, CEO der Flughafen Zürich AG, insgesamt optimistisch in die Zukunft. Im Gespräch zeigt er zugleich auf, vor welchen Herausforderungen der für die Wirtschaft systemrelevante HUB steht.

Sie gehören, wenn man so sagen darf, mittlerweile zum Urgestein des Flughafens Zürich. Gemäss Ihrem Linkedin-Profil begannen Sie hier als Project Manager noch vor der Jahrtausendwende. Was ist das Erfolgsrezept dieser «Langzeitbeziehung»?
Man sagt, als Flughafendirektor eröffnet man die Vorhaben, die der Vorgänger initiiert hat und plant die Projekte, die ein Nachfolger in Betrieb nehmen wird. Das hängt damit zusammen, dass wir oft grosse Infrastrukturprojekte entwickeln und erneuern, wie z.B. das neue Dock B, die neue Gepäcksortieranlage oder natürlich den Circle. Diese Projekte haben alle eine lange Planungs- und Realisierungszeit. Von daher ist es sicher positiv, dass wir im Kader eine hohe Kontinuität haben. Dass ich schon so lange beim Flughafen bin, hat aber primär damit zu tun, dass die Arbeit einfach sehr spannend und vielseitig ist und wir auch ein Unternehmen mit einer guten Betriebskultur sind. Es war mir noch nie langweilig in diesen bald 22 Jahren.

Bevor wir auf aktuelle Issues eingehen: Ein beruflicher Abstecher führte Sie – ebenfalls in der Aviatik – in die indische Metropole Bangalore. Was haben Sie von dort – als Kontrastfolie zu unserem Flughafen – mitgenommen?
In Asien herrscht eine ganz andere Dynamik und Aufbruchstimmung. Für die Menschen dort ist klar, dass die internationale Anbindung und damit ein Flughafen wichtig sind für die Entwicklung und den Wohlstand der ganzen Region. In Bangalore haben wir einen Flughafen entwickelt und in Betrieb genommen, der heute grösser ist als Zürich. Hier wäre das heute nicht mehr denkbar. Der Lärm war in Indien übrigens nie ein Thema.

Corona hat den Flughafen gebeutelt. Allerdings: Der Aktienkurs lag Ende Dezember 2019 – da war Covid-19 noch nicht einmal in Wuhan als solches erkannt – bei rund 170 Franken. Seit Anfang dieses Jahres bewegen wir uns an sich wieder in diesem Bereich, zwischen 150 und 170 Franken. Zudem hebt die Analystencommunity den Daumen insgesamt klar nach oben. Warum ist diese Zuversicht trotz aller Herausforderungen berechtigt?
Ich deute es so, dass die Mehrheit davon ausgeht, dass es den Flughafen in der Zukunft genauso braucht wie in der Vergangenheit – und dass das Bedürfnis nach Reisen und auch die Notwendigkeit einer internationalen Vernetzung unserer Wirtschaft zentral bleiben werden. Wir haben zudem immer auf eine hohe Eigenfinanzierung und tiefe Schulden geachtet und in guten Zeiten Reserven gebildet. Deshalb können wir diese Krise unabhängig, aus eigener Kraft und ohne staatliche Unterstützung durchstehen, was sicher auch für die Zukunft eine gute Basis ist. Reisen ist nebst der Bedeutung für Wirtschaft und Forschung auch ein Grundbedürfnis von uns allen. Reisen kann nicht durch eine Videokonferenz ersetzt werden.

Die offiziellen Messwerte belegen es: Der sogenannte Tagesfluglärm hat über die letzten zwei Jahrzehnte kontinuierlich und substanziell abgenommen. Wie war das möglich und lässt sich dieser Trend fortsetzen?
Die Flugzeuge sind heute deutlich lärmgünstiger als vor 20 Jahren und brauchen notabene auch viel weniger Treibstoff. Die neuste Flugzeuggeneration zum Beispiel mit dem Dreamliner von Boeing oder dem A320 Neo von Airbus ist nochmals deutlich besser in dieser Hinsicht, der Trend wird also weitergehen.

Die Abstimmung über das CO2-Gesetz steht vor der Tür. Welche Reflexion möchten Sie Stimmberechtigten bei der Entscheidung mit auf den Weg geben?
Ich finde es wichtig, dass wir schrittweise wegkommen von fossilen Energieträgern, auch in der Luftfahrt. Ich finde es auch kein Problem, wenn dadurch das Fliegen eventuell teurer würde. Das CO2-Gesetz ist aber ein Umverteilungsgesetz. Allein mit der Flugticketsteuer werden rund eine Milliarde Franken pro Jahr an zusätzlichen Gebühren erhoben, die dann umverteilt werden.
So ist nicht dem Ziel einer klimaneutralen Luftfahrt gedient, sondern es wird die Wertschöpfung im Inland geschwächt. Zwei Beispiele: Ein Flug mit Easy Jet ab Basel wird dadurch im relativen Vergleich deutlich günstiger als ein Flug mit SWISS ab Zürich. Oder wenn sie mit Lufthansa via Frankfurt nach New York fliegen, zahlen sie deutlich weniger Flugticketgebühren, als wenn sie ab Zürich direkt nach New York fliegen. Die Flugticketabgabe ist gut gemeint, bewirkt aber leider das Falsche.

Am 1. April 2025 blickt die Flughafen Zürich AG auf ihr erstes Vierteljahrhundert zurück. Was sollte bis dahin erreicht sein, damit der CEO beim ersten grossen Jubiläum Grund zum Feiern sieht?
Ich hoffe, dass wir bis dahin wieder frei reisen, uns global vernetzen und die Welt entdecken können. Den Flughafen Zürich und seine Organisation gibt es natürlich schon viel länger, mittlerweile 73 Jahre. Sie sprechen die Privatisierung im Jahr 2000 an. Auch damit dürfen wir sehr zufrieden sein: Unser Flughafen gehört zu den besten Europas, wir haben seit der Privatisierung über 5 Milliarden Franken in die laufende Erneuerung der Flughafeninfrastruktur investiert, immer ohne staatliche Subventionen oder Beiträge. Selbst in der aktuellen Krise beanspruchen wir keine Hilfsgelder des Staates und haben seit der Privatisierung bereits über 1 Milliarde Franken an Steuern und Dividenden an die öffentliche Hand bezahlt. Darauf sind wir stolz.

9. April 2021 SVP Kanton Zürich