Selektive Ethik

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Kurz vor der Eröffnung der Ausstellung der prestigeträchtigen Sammlung Bührle im Kunsthaus Zürich publizierte die linke Zeitschrift «Republik» eine Artikel-Serie, worin der Verdacht erhoben wurde, dass diese Sammlung Gemälde enthalte, «die als Raubkunst im weiteren Sinn» aus jüdischen Haushalten gelten könnten, ohne allerdings Beweise dafür zu liefern. Darauf folgten im Zürcher Gemeinderat Schlag auf Schlag Vorstösse und Erklärungen der rot-grünen Parteien über die «Verbindung zwischen den Wirtschaftsaktivitäten von Bührle und dem nationalsozialistischen System». «Expertenkommissionen », die den Raum von «historischen Beschönigungen» befreien und «qualvolle Fragen zur schweizerischen Erinnerungskultur » im Zweiten Weltkrieg stellen sollen, werden gefordert.

Der Dokumentationsraum des Kunsthauses, in dem über die Waffenlieferungen Bührles an die verschiedenen Kriegsparteien und über Raubkunst informiert wird, genügte den linken Gemeinderäten nun nicht mehr. Innert Kürze war der deutsche Waffenfabrikant Bührle, der im Alter von 30 Jahren nach Zürich zog und von hier aus Waffen in die ganze Welt lieferte, in aller Munde. Es ist hier nicht der Ort für einen Positionsbezug in dieser komplexen Materie. Befremdlich ist allerdings, dass die Linken in einem ähnlich gelagerten Fall vor gut zwei Jahren ihren ethischen Massstab ganz anders ansetzten.

Als zu Ehren des Schweizers Le Corbusier, ein Lieblingsarchitekt der linken Bourgeoisie, ein Pavillon mitsamt permanenter Ausstellung am Zürcher Seeufer eröffnet wurde, war bekannt, dass er Sympathien gegenüber dem NS-Regime hatte. So ärgert sich der junge Le Corbusier in Briefen an seine Mutter über «niederträchtige jüdische Dummköpfe », die hoffentlich «eines Tages unterworfen» würden. Ebenfalls machte er seine Bewunderung für den faschistischen Führer Mussolini öffentlich und zog nach Vichy, wo er unter anderem eine Munitionsfabrik für die NS-Regierung entwarf.

Die Kulturabteilung der Stadt hält in einer Klarstellung fest, dass Le Corbusiers antisemitische Äusserungen und sein Handeln in den «historischen Kontext» gesetzt werden müssten. So fragwürdig diese auch sein würden, so «stellen sie doch das Wesentliche nicht infrage, nämlich den unfassbaren Reichtum seines Lebenswerks», heisst es darin abschliessend. (!) Im Gegensatz zur Bührle-Ausstellung wurde bei Le Corbusier kein Dokumentationsraum zur Aufarbeitung von dessen Vergangenheit gefordert. Eine diesbezügliche Infotafel im Pavillon ist so klein, dass ich sie bei meinem Besuch kaum fand. Die andersgeartete Betroffenheit lässt sich wohl mit der Ablehnung der Linken gegenüber der FDP-nahen Bührle-Stiftung bzw. ihrer Verehrung Le Corbusiers erklären, setzt aber Zweifel an der Glaubwürdigkeit ihres jetzigen moralischen Aufschreis.

15. Januar 2022 Stefan Urech