Von Hass, Hetze und Haltung

Kolumne

Eben noch schimpften Politiker und Journalisten über Hass, Hetze und Diskriminierung. Adressaten ihrer Moralprügel waren fast nur Exponenten des SVP-Lagers. Ein Parlamentarier aus Adliswil verbreitete «Hetze im Netz». Ein Twitterer eine muslimkritische «Hassrede». Im Emmental gabs «Hetze gegen Asylsuchende».
Gerade in der Covid-Krise habe «Hass und Hetze in den sozialen Medien» überhandgenommen.
Es erschienen grosse Situationsanalysen über «Hass, Hetze, Ras­sismus und Diskriminierung».

Kein öffentliches Thema ist allerdings, wie im gegenwärtigen Ukrainekrieg mit Russland und den Russen umgesprungen wird. Selbstverständlich applaudiert niemand dem bewaffneten Überfall Putins auf das Nachbarland. Das tun aber auch viele Russen nicht. Doch es befremdet, wenn jetzt unser Rudeljournalismus wie eine toll gewordene Hundemeute gegen alles Russische jault, kläfft und schäumt. Im Rahmen einer ­abstossenden Russenjagd werden angebliche Oligarchen zu Paaren getrieben, Künstler und Sportler stigmatisiert, internationale Organisationen «gesäubert», Funktionäre aus Verbänden geekelt.

Jetzt geschehen Menschenrechtsverletzungen, ohne dass je die Wörter Hass, Hetze, Diskriminierung oder Rassismus fallen würden. Vielmehr behaupten die betreffenden Medienvertreter und Politiker bis hinauf zu unseren Bundesräten, sie würden eben «Haltung zeigen». Was in anderen Fällen moralische und juristische Verurteilungen nach sich zog, gilt jetzt als Ausfluss eines kerzengeraden moralischen Kompasses.

Bei so vielen emotionalen Bauchrednern gegen alles Russische ­verliert die Vernunft die Zügel. Der nachkeuchende Verstand vermag das Gefährt auf der schiefen Ebene nicht aufzuhalten. Es hört sich schlecht an, wenn jedes Winkelblättchen aus der Sicherheit unserer Unverletzlichkeit heraus einen europäischen Grossstaat im Wirtshausstil anpöbelt, als handelte es sich um eine idyllische Gemeinderatswahl. Eins zeigt sich im Ukrainekrieg: Jeder Spiesser schwelgt im Kriegerischen, weil sein kleines Leben endlich Heldentaten erleben will.

22. April 2022 Christoph Mörgeli