Was die Sanktionen gegen Russland bedeuten

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Russland mag militärisch und flächenmässig ein Riese sein. Wirtschaftlich ist es klein – mit einem BIP gerade mal doppelt so gross wie das der Schweiz. Bild Wikpedia

DIE RUSSISCHE ZENTRALBANK UND SWIFT
Es ist erstaunlich, wie beliebt der Finanzkapitalismus plötzlich werden kann. Aktuell müsste eigentlich auch jeder Linke anerkennen, dass dieser in seinem Sinne Gutes bewirken kann. Denn der Westen hat kaum andere Möglichkeiten, der Ukraine zu helfen, ohne Waffen einzusetzen.

Die Wirtschaft ist die Achillesferse Russlands. Der Krieg gegen die Ukraine soll Russland gemäss Riho Terras, einem früheren Verteidigungschef Estlands, 20 Mia. USD pro Tag kosten.1 Und Russland ist trotz seiner Bodenschätze kein reiches Land. Im Jahre 2020 betrug die gesamte Wirtschaftsleistung (Bruttosozialprodukt) 1484 Mia. USD. Das ist knapp doppelt so viel wie das Schweizer Bruttosozialprodukt von 752 Mia. USD und offensichtlich ziemlich wenig für jemanden, der die westliche Welt herausfordert.2

 

Deshalb hat Putin sich einen «Notbatzen » zur Seite gelegt: Die russische Zentralbank besitzt Vermögenswerte von knapp 600 Mia. USD für Krisenfälle. Davon ist rund ein Viertel Gold, das vermutlich in Russland aufbewahrt und somit für den Kreml sicher ist, aber schwer zu verwerten. Wie Milliarden Dollar an Gold verkaufen, wenn man kaum Zugang zu den westlichen Finanzmärkten hat?

Die übrigen Guthaben der russischen Zentralbank wie z.B. Wertschriften sind eingefroren. Sie verbleiben im Eigentum dieser Zentralbank, aber sie kann ihr Geld nicht abziehen oder transferieren. Es ist damit für Russland bis auf weiteres nutzlos. Deshalb kann sie den Rubel nicht mehr stützen, indem sie ihn gegen westliche Währungen kauft. Und das ist notwendig, denn im Falle einer Krise möchten viele Russen unbedingt ihre Rubel verkaufen. Man erinnert sich gut an die enorme Inflation der 90er-Jahre, die so viele Ersparnisse wertlos gemacht hat.

Von Jahresende bis Redaktionsschluss hat der Rubel mehr als ein Viertel seines Wertes verloren. Das ist gravierend, weil Russland viele Konsumgüter importiert. Die Wirtschaft ist nach wie vor auf Rohstoffe, Rüstung und Landwirtschaft ausgerichtet. Oder wann haben Sie, lieber Leser, das letzte Mal ein Produkt «Made in Russia» gesehen?

 

Was ist Swift?

Swift ist strenggenommen kein System, das Überweisungen und Zahlungsverkehr ermöglicht. Es versendet lediglich Benachrichtigungen zu Überweisungen (Messaging). Damit informiert eine Bank die andere, dass sie über andere Systeme einen bestimmten Betrag an einen bestimmten Kontoinhaber überweist. Wenn russische Banken also von Swift abgeschnitten werden, dann können sie eine Überweisung immer noch durchführen, aber die Bank des Empfängers nicht mehr wie gehabt benachrichtigen.

Theoretisch könnte man diese Information z.B. auch über E-Mail austauschen, aber das ist natürlich sehr ineffizient. Das Massengeschäft ist damit blockiert, aber z.B. für eine grössere Gaslieferung ist dieser Ausweg realistisch.

 

Alternativen zu Swift

Es gibt zahlreiche Alternativen zu Swift. Der Handel mit Russland wurde ja nicht verboten, nur einige russische Banken werden von Swift abgetrennt. Russland arbeitet seit einigen Jahren an einem Ersatz zu Swift namens SPFS. Das soll Überweisungen innerhalb Russlands weiterhin ermöglichen, aber es sind keine ausländischen Banken angeschlossen (ausser in Ländern wie Belarus).

Andere Alternativen – z.B. Transporte von Bargeld und Gold mit Flugzeugen – sind nicht alltagstauglich. Kryptowährungen könnten jedoch helfen, v.a. diejenigen mit geringer Volatilität wie Stablecoins. Das könnte auch ein wichtiger Grund sein, warum die US-Regierung ausgerechnet diese regulieren möchte. Aber wer im Westen würde es wagen, solche Alternativen zu nutzen? Allein der Reputationsschaden wäre enorm. Das kommt für eine seriöse Firma aktuell nicht in Frage.

Lebensstandard wird deutlich fallen

Insgesamt wird Russland vom westlichen Finanzsystem also nahezu abgeschnitten. Es wird teuer und schwierig für Russen, weiterhin westliche Konsumgüter zu beziehen. Auch werden die Einnahmen aus Exporten deutlich zurückgehen, weil die Bezahlung so viel schwieriger wird. Der Lebensstandard wird deutlich fallen.

Aber auch der Westen wird gewisse wirtschaftliche Verluste erdulden müssen. Offensichtlich werden die Exporte nach Russland zurückgehen, und Rohstoffe wie Energie werden klar teurer. Die Inflation wird noch höher.

Ferner werden russische Firmen und Personen Kredite und andere Verpflichtungen nicht zurückzahlen, wie denn auch? Und westliche Banken werden Verluste erleiden, wenn sie dort aktiv sind. Auch unbeteiligte Länder können betroffen sein. Die Ukraine und Russland sind bedeutende Produzenten von Nahrungsmitteln. Diese werden weltweit teurer, fehlen irgendwo und es muss leider jemand hungern. Es ist sogar vorstellbar, dass dieser Druck eine Revolution auslöst, ähnlich wie beim arabischen Frühling 2011, der durch höhere Preise für Nahrung und Energie ausgelöst wurde (andere Ursachen wie Korruption kamen natürlich hinzu). Dann würde ironischerweise eine ganz andere Regierung den Sanktionen gegen Russland zum Opfer fallen. Es gibt also viele Konsequenzen, die nicht gut absehbar sind.

Es ist klar, dass die Sanktionen die russische Wirtschaft deutlich schwächen. Möglicherweise kollabiert diese vor der ukrainischen Armee. Aber je länger die Sanktionen dauern, desto mehr treffen sie auch andere.

 

Autor:

York-Peter Meyer
Finanzexperte
Küsnacht

 

1 Twitter-Thread 26.2.2022, siehe auch https://
www.foxnews.com/world/putin-furious-ukraine-
invasion-easy-eu-riho-terras-intel
2 https://tradingeconomics.com/russia/gdp

4. März 2022 Gastbeitrag