Wellen der Begeisterung

Fadegrad Wellen der Begeisterung - Onlinebote SVP des Kantons Zürich

An der letzten Ratssitzung bestätigte sich, dass Erwachsene von Wellen ebenso fasziniert sind wie Kinder. Von links bis rechts engagierten sich nämlich Politiker für den Einbau einer Wellenmaschine im Zürcher Dolderbad, das demnächst renoviert werden muss. Die Sprecherin der SP schwelgte in der Erinnerung, wie sie «früher durch die ganze Stadt gefahren» sei, um auf den Wellen im Dolderbad zu reiten. Der EVP-Sprecher nannte die Wellenmaschine im Dolder gar ein «konstituierendes Element» unserer Stadt und die FDP-Votantin wünschte den kommenden Generationen «dasselbe unbeschwerte Wellenvergnügen», das sie damals erleben durfte.

Vor 87 Jahren eröffnete das Grand Hotel Dolder das «Wellen- und Sonnenbad» Dolder. Gemäss dem Werbeflyer zur Eröffnung konnte man für den Eintrittspreis von einem Franken die «Höhensonne unter ärztlicher Kontrolle» geniessen und sich zweimal pro Stunde in bis zu «80 cm hohen Wellen» erfrischen. Die NZZ widmete der von der Zürcher Firma Escher-Wyss gebauten Maschine gar eine Doppelseite. Mit einem «Tauchkörper von acht Metern Länge» könnten Wellen von «bis zu einem Meter» erzeugt werden, hiess es dort. Wenige Monate zuvor war bereits in Bern ein Wellenbad für die «anspruchsvolle Körperkultur der oberen Bevölkerungsschichten» eröffnet worden. Der Sog des «grossen Ereignisses des Zürcher Sommers », wie es die NZZ 1934 nannte, wirkte einige Jahre. Doch mit der Zeit nahmen die Besucherzahlen ab und sanken schliesslich so tief, dass das Dolder Hotel Anfang der 1990er-Jahre erwog, das Bad zu schliessen.

Der 1994 eingereichte Vorstoss einer Gemeinderätin des Landesrings der Unabhängigen bezweckte die Rettung des Bades mit einem «jährlichen Betriebsbeitrag von 100 000 Franken» und wurde ohne Gegenstimme angenommen. In den folgenden Jahren wurden die Betriebsbeiträge vom Stadtparlament regelmässig verlängert, was das Überleben des Wellenbades für weitere zwei Jahrzehnte sicherte. Im Jahr 2006 wurde die Wellenmaschine dann aber endgültig abgestellt, da keine Ersatzteile mehr verfügbar waren. Da nun eine Gesamtsanierung des Bades ansteht, beantragte die FDP den Einbau einer neuen Wellenmaschine mit geschätzten Kosten von rund einer Million. Der Antrag wurde von allen Parteien mit Ausnahme der Grünliberalen und der Grünen unterstützt. Deren Minderheitssprecherin meinte im Rat, dass die Wellenmaschine ihren Reiz verloren habe, da sie aus einer Zeit stamme, als «Reisen an den Atlantik» für die breite Bevölkerung noch nicht möglich gewesen seien. Die grüne Gemeinderätin scheint die Wellen der Algarve denen im Dolder vorzuziehen, was ja irgendwie nachvollziehbar ist. Doch sind es nicht die Grünen, die uns dauernd ins Gewissen reden, keine «klimaschädlichen Reisen» zu machen?

19. November 2021 Stefan Urech