Wenn Berater nicht mehr helfen dürfen

Fadegrad Nimmersatt - Onlinebote SVP des Kantons Zürich

«Oh nei, Entschuldigung, das dörf  me ja nümme sege.» Diesen Satz hörte ich von einem Angestellten eines Detailhandelsfachgeschäfts in Winterthur, nachdem er sich bei mir erkundigt hatte: «Kann ich Ihnen behilflich sein?» Die Begründung, warum diese Frage einem Kunden nicht mehr gestellt werden darf, ist mir schleierhaft. Schliesslich ist die zentrale Aufgabe eines Angestellten in einem Fachgeschäft, dem Kunden eine Hilfestellung und Beratung während des Kaufentscheidungsprozesses bereitzustellen, sofern dies der Kunde wünscht. Die erwähnte Frage entsteht also direkt aus dem Kernpunkt der Berufstätigkeit. Und das auf eine höfliche und unaufdringliche Art und Weise. Warum sollte die Frage also verboten sein, wenn sie dem Kunden Hilfe anbietet und dem Kunden zugleich ermöglicht, das Angebot auf ebenso höfliche Weise abzulehnen? Für mich nicht nachvollziehbar.

Allerdings ist der Detailhandel nicht der erste Beruf, bei dem die Kernpunkte der eigenen Tätigkeit nicht mehr willkommen sind. Journalisten stellen seit Längerem keine kritischen Fragen mehr. Sie gleichen dafür Schreiberlingen in Klöstern, welche bereits Geschriebenes in ein neues Buch mit schönerem Einband kopieren. Politiker diskutieren nicht mehr produktiv miteinander, sondern predigen jeder für sich von der eigenen Kanzel zu den eigenen Gläubigen hinab und verteufeln lieber den Andersdenkenden, als mit ihm zusammen einen Kompromiss zu suchen. Wissenschaftler untersuchen Sachverhalte nicht mehr, stattdessen agieren sie als Verkäufer von diesen nicht abschliessend untersuchten Sachverhalten. Dabei sollte doch der Detailhändler verkaufen. Und zwar indem er mittels unabhängig geführter und wissenschaftlich geprüfter Untersuchungen dem Kunden die beste Lackfarbe für dessen Velo empfehlen kann. Naja, wenn’s dann doch die falsche Farbe war, dann kann man halt eine andere kaufen gehen. Sofern die Farbe das Fahrradgestell nicht angegriffen hat. In dem Fall braucht man zunächst noch ein neues Velo. Lässt sich nur hoffen, dass die Apotheker nicht die nächsten sind. Die Frage «Nehmen Sie sonst noch irgendwelche Medikamente? » entscheidet über weit mehr als über ein Velo.

28. Oktober 2021 Daniel Oswald