Wie gut hat Putin Stalin gelesen?

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«Die Igel»: Dieses Denkmal im Moskauer Vorort Chimki sollte Putin eigentlich zum Nachdenken bringen. Bild Wikipedia

REDE VOM 6. NOVEMBER 1941
Es sei angesichts seiner Gulag- und Schreckensherrschaft vorweggenommen: Lenins Nachfolger mit Taufname Josef Wissarionowitsch Dschughaschwili geniesst im Zürcher Boten keinerlei Sympathie. Gleichwohl darf die Frage gestellt sein, ob der gegenwärtige Kremlherrscher sich die Mühe gemacht hat, die eine oder andere Rede bzw. Radioansprache seines geschichtsträchtigen Vorgängers zu studieren.

Es wäre lohnenswert, um sich zu vergegenwärtigen, warum man sich als Aggressor mit einem Angriffskrieg à la Ukraine 2022 oder eben auf die Sowjetunion 1941 auf glattes, dünnes Eis begibt.

Zu Beginn des Unternehmens Barbarossa stiessen Hitlers Truppen fast ungebremst ostwärts vor. Am Tag der Oktoberrevolution standen die Deutschen kaum noch 100 Kilometer vor Moskau. Trotz der für die Sowjets äusserst angespannten Lage entschloss sich das Politbüro zur Durchführung der Militärparade auf dem Roten Platz. Die Radioansprache des Generalsekretärs vom 6. November 1941 enthält bemerkenswerte Passagen, die erstaunlich aktuell wirken. Stalin moniert: «Die Geschichte zeigt, dass es keine unbesiegbaren Armeen gibt und nie gegeben hat …Was hat das faschistische Deutschland durch … den Überfall auf die UdSSR gewonnen und was hat es verloren? Es hat … für kurze Zeit eine … vorteilhafte Lage für seine Truppen erzielt, hat aber in politischer Hinsicht verloren, da es sich in den Augen der ganzen Welt als blutiger Aggressor entlarvt hat.»

«Schluss mit der sorglosen Gelassenheit»

Auch die Dimension der Bedrohung wird mit einer klaren Ansage verbunden: «Was ist erforderlich, um die Gefahr, die über unser Land heraufgezogen ist, zu beseitigen? … Vor allem ist es nötig, … Schluss zu machen mit der sorglosen Gelassenheit und der Stimmung des friedlichen Aufbaus, die in der Vorkriegszeit durchaus begreiflich waren, in der gegenwärtigen Zeit aber, wo der Krieg die Lage von Grund auf verändert hat, verderblich sind. Der Feind ist grausam und unerbittlich.»

Stalins Einschätzung erwies sich als richtig. Insbesondere jene, dass die ­Nazitruppen nicht wüssten, für welchen höheren Sinn sie in einem fremden Land kämpfen sollten, während der Wille zur Heimtatverteidigung der Angegriffenen eine unermessliche Kraftquelle darstellte.

Hitlers Truppen schafften es fast bis zu einer der äusseren U-Bahnstationen im Agglomerationsgürtel Moskaus. Ein an Panzersperren angelehntes Denkmal im Vorort Chimki, 23 Kilometer vom Stadtzentrum, zeugt bis heute davon. Möge es in Kiew bald Pate für eine ukrainische Version eines erfolgreichen Abwehrkampfes stehen.

 

 

31. März 2022 Thomas Ammann